Coach Gelaber · Folge 10
Die Zukunftskonferenz Teil 1
Wie bringst Du 50 bis 150 Menschen dazu, sich wirklich auf eine gemeinsame Strategie zu einigen – statt dass die große Veranstaltung wieder verpufft? In dieser Folge taucht Christopher Salmi mit seinen Gästen Ilona Bernlöhr und Christina Krabatsch in die Theorie der Zukunftskonferenz ein: ein Großgruppenformat nach Marvin Weisbord und Sandra Janoff, das in fünf Phasen von der Vergangenheit über die Gegenwart bis zur idealen Zukunft führt. Du erfährst, welche vier Prinzipien das Format tragen, woher es historisch kommt und wann sich der Aufwand wirklich lohnt. Teil 2 zeigt dann, wie sich das Ganze in der Praxis anfühlt.
Das Wichtigste in Kürze
- Die Zukunftskonferenz ist ein Großgruppenformat für 50 bis 150 Menschen, bei dem alle Interessensgruppen gemeinsam Zukunft, Strategie und konkrete nächste Schritte gestalten – entwickelt von Marvin Weisbord und Sandra Janoff in den 80er Jahren.
- Fünf Phasen strukturieren den Prozess: Rückblick auf die Vergangenheit, Gegenwart mit Trends und „Stolz und Bedauern“, die ideale Zukunft, gemeinsame Ziele und schließlich konkrete Vereinbarungen und Maßnahmen.
- Vier Prinzipien tragen das Format: das ganze System in einen Raum bringen, den „ganzen Elefanten“ betrachten, der Fokus auf Zukunft und Gemeinsamkeiten sowie Eigenverantwortung und Selbststeuerung der Gruppen.
- Wenn Du Betroffene zu Beteiligten machst, wird die Strategie zum „Baby jedes Einzelnen“ – die Identifikation mit dem Ergebnis steigt enorm, weil alle die Chance hatten, sich einzubringen.
- Der Aufwand ist hoch: ein bis drei Tage mit allen Menschen in einem Raum plus erfahrene Begleitung für die Großgruppe. Aber das Ergebnis – eine gemeinsam getragene Agenda mit echter Aufbruchsstimmung – ist es wert.
Transkript
Herzlich willkommen zu einer neuen Folge Coach Gelaber von und mit Christopher Salmi.
Christopher Salmi: Schönen guten Tag, Merhaba, Selam Aleikum. Herzlich willkommen zur nächsten Folge Coach Gelaber mit mir, Christopher Salmi. Dieses Mal nicht aus Köln, sondern aus Bonn.
Und wir starten heute mit einem Thema, das ich in einer der letzten Folgen, wo wir über das Thema Facilitation gesprochen haben, nochmal aufgreifen wollte: nämlich die Zukunftskonferenz. Vielleicht erinnert ihr euch noch, ich hatte da ein wunderbares Gespräch mit dem Holger Scholz und der Margarete Büning-Fesel.
Und genau dieses Thema wollen wir heute aufgreifen. Und ich freue mich, dass ich wieder mal zwei wunderbare Gäste hier habe, mit denen ich dieses Thema mal so ein bisschen beleuchten kann.
Ich kann euch schon verraten, das wird natürlich wieder ein bisschen zusammengepresst sein, denn das Format ist ein großes. Es gibt viel zu erzählen, es gibt viel zu erleben. Deswegen teilen wir das auch wieder auf in zwei Teile. Wir sprechen also erstmal ein bisschen über die Theorie und dann in einem zweiten Teil, also in der zweiten Folge dazu, über die Praxis.
Und für Theorie ist jemand dabei und für die Praxis ist auch jemand dabei. Also eigentlich seid ihr ja beide irgendwie für die Praxis dabei. Deswegen herzlich willkommen, liebe Christina. Schön, dass du dabei bist. Und auch herzlich willkommen, liebe Ilona.
Und damit die Menschen da draußen mal wissen, wer ihr überhaupt seid, habe ich wieder zwei Fragen mitgebracht. Ganz überraschend sicherlich für euch. Und zwar: Wer seid ihr denn so als Mensch und was ist eure Profession? Und sonst sage ich immer so „Ladies first“ – das klappt jetzt nicht. Deswegen ist die Frage: Wer mag denn von euch beiden anfangen?
Ilona Bernlöhr: Also, dann fange ich an. Ich bin die Ilona, die Ilona Bernlöhr.
Wer bin ich als Mensch? Ich bin eine Gewordene, ich habe eine lange Reise schon hinter mir. Gerade wenn ich auf die letzten, ja, ich glaube, zehn Jahre zurückgucke, hat sich dann doch einiges getan.
Ich bin Familienmutter. Zwei Söhne haben mein Leben begleitet und bereichert in den letzten Jahren. Das ist der wichtigste private Teil. Ich lebe mit meiner Mutter in einem Mehrgenerationenhaus. Und von daher ist das einfach ein schöner Punkt zu sehen, dass auch dieser Teil sich immer wieder verändert.
Ich bin außerdem gewandelt von einer Ingenieurin über eine Controllerin – und heute bin ich jemand, der die Chance hat, den Wandel und das Wachstum von vielen, vielen Menschen in Gruppenprozessen, aber auch in Einzelcoachings zu begleiten. Und ich freue mich, wenn ich da einerseits Ruhepol für diese Menschen sein kann und andererseits auch Katalysator für Energie, die dann frei wird, um neue Ziele zu erreichen.
Christopher Salmi: Das klingt gut. Herzlich willkommen, liebe Ilona.
Christina Krabatsch: Danke, Chris. Ja, dann sage ich auch mal Hallo. Mein Name ist Christina Krabatsch. Danke auf jeden Fall, Chris, schon mal für die Einladung. Freue mich sehr. Ist, glaube ich, der allererste Podcast in meinem Leben, den ich jetzt mitsprechen darf.
Ja, wer bin ich als Mensch? Also ähnlich wie Ilona: Auch ich bin Ingenieurin. Technik begleitet praktisch die letzten 25 Jahre meines Lebens. Und in dieser ganzen Zeit war für mich immer das Streben nach neuen Dingen, neue Dinge auszuprobieren. Sowohl was tatsächlich Techniken oder auch Lösungen betrifft, aber auch natürlich Arbeitsweisen in Teams. Das hat mich immer sehr interessiert – und über den Weg sind wir ja auch miteinander zusammengekommen.
Deshalb freut es mich sehr, dass ich auch so ein bisschen von unserer Praxiserfahrung berichten darf. Auch ich habe zwei Kinder, die sind inzwischen schon erwachsen. Ich lebe nicht im Raum Köln-Bonn, sondern in einer anderen schönen Region in Deutschland, im Rhein-Main-Gebiet. Da bin ich auch geboren und klebe da auch so ein wenig an meiner Scholle, obwohl ich ja auch schon viel rumgekommen bin in Deutschland. Und ja, freue mich, wie gesagt, dass wir heute hier über das Thema Zukunftskonferenz gemeinsam sprechen können.
Christopher Salmi: Dann herzlich willkommen, liebe Christina. Schön, dass du dich auch bereit erklärt hast, mit uns hier drüber zu sprechen.
Dann lasst uns gerne mal beginnen mit: Was ist denn das überhaupt? Ich würde einmal ganz kurz erzählen, was grundsätzlich so die Zukunftskonferenz ist – oder wie ihr euch da draußen vorstellen könnt, wie die so aussieht oder wie die so stattfindet.
Grundsätzlich ist die Zukunftskonferenz erstmal ein Großgruppenformat beziehungsweise ein Großgruppen-Meeting, könnte man auch sagen. Bewegt sich irgendwie zwischen 50 und 150 Menschen. Und es geht im Grunde genommen um das gemeinsame Gestalten der Zukunft, der Strategie – inklusive der dafür notwendigen Planungen und Schritte, die wichtig sind.
Das kann jetzt für den wirtschaftlichen Raum wichtig sein, es kann aber auch für den gesellschaftlichen Raum interessant sein, also für gesellschaftliche Themen. Das ist gar nicht so festgezurrt, könnte man sagen.
Also es geht im Grunde um das Zusammenbringen der verschiedenen Interessensgruppen, um gemeinsam die Perspektiven, Erfahrungen und täglichen Treiber kennenzulernen – um dann gemeinsame Ziele und konkrete nächste Schritte zu vereinbaren. Also ein großes Meeting, wenn man es ganz einfach sagt, mit einer ganz tollen Intention.
So, und dieses Meeting findet jetzt in einer ganz gewissen Struktur statt. Und vielleicht, liebe Ilona, steigen wir beide mal ein in diese Struktur: Was sind denn da so für Phasen, könnte man sagen? Wir haben in Summe fünf Phasen, über die wir mal kurz sprechen wollen.
Also ihr wisst jetzt: große Gruppe, viele Menschen in einem Raum. Was passiert dann? Wir stellen uns erstmal vor. Und eine kleine Besonderheit findet da schon statt: Jeder bringt mal so ein Mitbringsel mit. Also irgendwas, was derjenige mit dem Thema, um das es geht, verbindet. Um dann darüber schon in den Austausch zu kommen.
Und die erste Phase ist die Phase des Rückblicks. Also der Blick auf die wichtigen Ereignisse der Vergangenheit, um eine Art Zeitgalerie oder auch Wandzeitung zu erstellen. Und das bewegt sich so auf drei Ebenen: einmal im persönlichen Umfeld, im Lokalen und im Globalen. Das kann dann auf Zeitschienen sein – in den 90er Jahren, in den 2000ern und so weiter.
Das heißt, Thema und Organisation können somit in einem größeren Kontext betrachtet werden. Also Interpretationen werden klar, Sichtweisen werden geteilt, Perspektiven werden geteilt und ermöglichen den sogenannten Blick über den Tellerrand, könnte man sagen.
Was dann passiert: Es geht um das Teilen selbst, nochmal um eine gemeinsame Reflexion, um dann ganz explizit auch Muster und Zusammenhänge zu erkennen. Das erstmal zu dem Rückblick. Also wir gucken erstmal nach hinten. Was kommt dann?
Ilona Bernlöhr: Dann verlassen wir die Zeitschiene – oder konzentrieren uns in der Zeitschiene auf den Punkt heute. Gucken also tatsächlich in die Gegenwart. Und das machen wir aus zwei Blickwinkeln.
Einmal schauen wir auf Trends und Entwicklungen, die den Menschen bewusst und wichtig sind und die zu diesem Thema gehören, um das sich die ganze Zukunftskonferenz jeweils orientiert und kümmert. Und wenn da so 50 bis 150 Leute in einem Raum sind, dann ist es ganz hilfreich, auch da schon eine gewisse Struktur zu nutzen. Dazu machen wir eine Mindmap.
Also Mindmap ist ja dieses nette Modell, wo man sagen kann: Von einem Punkt – in diesem Fall dem Motto oder Thema der Konferenz – ausgehend gehen ganz verschiedene Äste ab. Und das entwickeln genau die Teilnehmer. Also da gibt es keine Vorgabe. Bei dem, was die Teilnehmer nennen, wird dann in der Gruppe ausgemacht: Ist das ein Hauptast, ist das ein Nebenast?
Und das Spannende dabei: Selbst Themen und Trends, die genannt werden und die scheinbar widersprüchlich sind, die finden alle ihren Platz. Also alles, was im Raum ist, findet auf dieser Mindmap seinen Platz. Und dadurch, dass alles dabei ist, hilft das auch, dass Zusammenhänge sichtbar werden – einfach weil sie auf einem Ast oder auf benachbarten Ästen sichtbar werden.
Und innerhalb dieser Trends und Entwicklungen gibt es dann einen zweiten Schritt: die sogenannten Heimatgruppen oder homogenen Gruppen. Also Menschen, die ein gleiches, ähnliches Anliegen haben oder einer ähnlichen Gruppe zugehörig sind. Die suchen sich dann aus dieser gesamten Mindmap – und die kann echt groß und vielfältig sein – drei bis fünf relevante Punkte aus und überlegen sich: Was habe ich denn in dieser Heimatgruppe schon heute für eine Antwort auf den Trend, die Entwicklung, die da genannt worden ist? Und was ist vielleicht eine Antwort, bei der ich gerade noch so ein bisschen in der Planung bin – naja, es könnte ein möglicher Weg sein?
Und der zweite Schritt innerhalb der Gegenwart, der geht dann ganz persönlich auf die Menschen ein. Das nennt sich dann „Stolz und Bedauern“. Und ihr merkt schon, das ist so ein bisschen gegensätzlich.
Aber das ist auch genau der Punkt, wo es wichtig ist, dass man sich selber mal anguckt. Das mit dem Bedauern, das klappt in unserer Gesellschaft meistens ganz gut, und auch in den Firmen klappt das meistens ganz gut: dass man sagt, ah, da habe ich vielleicht nicht ganz so richtig gut gehandelt oder wir als Gruppe nicht so gut gehandelt.
Aber auch der Stolz – und der ist an der Stelle echt gut und wichtig. Zu sagen: Was ist denn richtig gut gelungen? Worauf sind wir stolz? Was wollen wir denn auch mitnehmen? Was ist etwas, das wir wiederholen wollen?
Und das dann wieder im Plenum zu teilen – also alle Heimatgruppen teilen das dann hinterher auch im Plenum –, das gibt eine wahnsinnige Energie. Und es schafft eine neue Wahrnehmung davon: Ich darf auch auf etwas stolz sein. Ich darf mich auch wirklich mal hier hinstellen und sagen, das ist gut gewesen.
Christina Krabatsch: Ja, da würde ich gerne nochmal das Thema untermauern, Ilona. Wir sprechen ja später noch über die Praxisthemen, die Erfahrung, die wir gemacht haben – aber genau diese Phase war eine der für mich prägnantesten. Weil man da überhaupt erstmal festgestellt hat: Welche Wertesysteme wirken eigentlich in den Menschen? Was bringt da jeder auf seinem individuellen Weg, sowohl aus dem Beruflichen als auch aus dem Privaten, noch irgendwie so mit?
Auf dass man dann auch in solchen strategischen Entwicklungen etwas hat, womit man arbeiten kann. Deshalb: Ich fand das mit die spannendste Phase.
Christopher Salmi: Ja, interessant. Und dann kommen wir ja auch schon zur Zukunft, also zum wünschenswerten Idealzustand, sagt man auch so schön.
Da gehen wir tatsächlich in heterogene Gruppen. Und in den Gruppen wird sich dann ganz explizit mit der Zukunft auseinandergesetzt – und zwar mit der idealen, aus der Perspektive der Zukunft. Das heißt, wir reisen sozusagen in die Zukunft und gucken: Ah, die ist jetzt ideal, wie sieht die denn jetzt schon aus?
Es setzen sich also alle damit auseinander: Wie sind die Strukturen, Prozesse, Produkte, Beziehungen in der Organisation selbst? Wie ist Führung? Wie sieht die Infrastruktur aus? Und teilen das dann in der großen Runde.
Und abgesehen vom kreativen Präsentieren ist es ein Wahnsinns-Energiemoment – auch um vielleicht ein Stück weit aus dieser Bedauernphase gut herauszukommen.
Und da wird auch immer ganz gerne das Haus der Veränderung nochmal ins Spiel gebracht. Für euch da draußen: Das könnt ihr euch auch gerne angucken. Haben wir mal ein Video aufgenommen, findet ihr auch bei mir. Da wird auch nochmal sichtbar, wo die Leute da stehen, was da passiert – und das kann auch nochmal so ein bisschen helfen, eine Verortung zu schaffen.
So, jetzt sind wir aber bei der Zukunft. Und es gibt auch ein wunderbares Sprichwort, das diesen Wechsel beschreibt – gerade wenn wir so von der Bedauernphase kommen, also wenn wir noch so in diesem Mood sind. Und zwar von Charlotte Whitton, einer der ersten weiblichen Bürgermeisterinnen, in Ottawa in Kanada. Die mal gesagt hat: „Turn your face to the sun and the shadows fall behind you.“
Und ich glaube, das ist auch wunderbar für diese Phase. Wir kommen so aus diesem Bedauern-Trott an der einen oder anderen Stelle und schauen nach vorne, in diesen wunderbaren Zustand, den wir uns da wünschen. Ja, und dann geht es schon los mit Zielen, ne?
Ilona Bernlöhr: Genau, und Ziele sind hier wieder ganz wichtig – das sind gemeinsame Ziele. Wir haben ja eben über heterogene Gruppen gesprochen, und genau in dieser Zusammenstellung bleiben wir. Also die maximale Vermischung aller Interessensgruppen oder Organisationsteile, wenn man auf einen Business-Kontext guckt.
Die gucken als gemischte Gruppe darauf, was sie aus diesen vielen wunderbar dargestellten, kreativen Zukunftsvisionen als Ziel für sich mitnehmen wollen. Wo sie sagen: Das ist etwas, wovon wir uns versprechen, dass wir uns dafür einsetzen wollen, weil wir es für richtig, wichtig, relevant halten. Und formulieren Ziele oder nehmen Ziele an und clustern sie.
Weil da sind ja wieder ganz viele Sachen im Raum. Und diese Cluster werden beschrieben durch Statements, die es einfach auch Menschen ermöglichen, die jetzt nicht im Raum sind, zu verstehen, worum es hier in diesem Ziel geht.
Mit diesen Statements geht man dann wieder ins Plenum, also aus den gemischten Gruppen ins Plenum zurück. Und dort wird verhandelt: Wie sieht jetzt tatsächlich die Agenda nach vorne aus – für alle, die an diesem Thema der Zukunftskonferenz beteiligt sind? Also die, die im Raum sind, aber auch die, die außerhalb sind. Ist da ein Punkt, ein Ziel dabei, das alle in diesem Raum wirklich mitgehen können?
Und falls irgendwas auftaucht, wo es keine wirkliche Übereinstimmung gibt, kommt es auf den Speicher. Also das ist nicht verloren. Das kann man später wiederholen und sagen: Da war noch was, was wir da erwähnt hatten als relevantes Ziel, was wir im ersten Schritt noch nicht genommen haben.
Und dann haben wir eine Agenda, die dasteht. Ich kriege immer noch Gänsehaut, wenn ich das erzähle: 50 bis 150 Menschen einigen sich wirklich gemeinsam auf eine Agenda. Boah, spannend. Aber das ist halt auch genau der Punkt. Ich kriege Gänsehaut – und manchmal ist es natürlich auch nicht so ganz einfach. Also als Facilitator ist man in dem Moment echt gefordert.
Christopher Salmi: Naja, und dann geht es ja auch schon los mit Vereinbarungen und Maßnahmen. Also, dass dann auch was Konkretes passiert. Du hast es, glaube ich, schon so ein bisschen eingeläutet: Es ist ja auch immer noch so ein Knister- und Energiemoment, ne? Auch bei dir die Gänsehaut, die sofort wieder hochkommt.
Und da geht es jetzt in dieser Phase der Vereinbarungen und Maßnahmen natürlich ganz konkret darum, den nächsten Schritt zu gehen. Also die Menschen mit den Themen zusammenzubringen. Um genau diese Aufbruchsstimmung, die wahrscheinlich diese Gänsehaut noch so ein bisschen auslöst, in Motivation und Aktionen zu verwandeln oder zu kanalisieren. Damit die Gruppen wirklich an die gemeinsamen Themen drangehen.
Das macht man manchmal gerne mit dem Open Space – da bringen wir auch gleich den nächsten Begriff wieder rein, den wir sicherlich auch irgendwann nochmal aufgreifen. Aber das ist dann wirklich nochmal so die letzte Phase, um dann nach vorne zu kommen, um wirklich was zu schaffen.
Also das heißt, jetzt schon viel Input: Wir haben also fünf Phasen, die ganz strukturiert durchlaufen werden, wo diese vielen Menschen sich mit Vergangenheit, Gegenwart, Zukunft und auch Aktionen beschäftigen. Was hältst du davon, wenn wir einfach nochmal gucken: Wo kommt die eigentlich her?
Ilona Bernlöhr: Ja, das ist, glaube ich, gut und wichtig zu wissen.
Christopher Salmi: Ja, genau, macht vielleicht wirklich nochmal Sinn, da nochmal einzutauchen. Also ich würde mal sagen, es gibt grundsätzlich zwei ganz wichtige Akteure in diesem Zusammenhang: Das sind die Sandra Janoff und der Marvin Weisbord. Die haben das, glaube ich, irgendwie Anfang bis Ende der 80er Jahre so beschrieben und wirklich als Zukunftskonferenz gemacht.
Was ich ganz spannend finde: Bei der Sandra Janoff kamen im Grunde genommen durch ihre Historie so ein paar Dinge zusammen, die dazu geführt haben, dass dieses Format so entstanden ist, wie es entstanden ist. Da kam nämlich das Gespür für Konflikte – auch für innere, familiäre, brenzlige Situationen – zusammen mit dem inneren Treiber, hier auch unterstützen zu wollen, um Versöhnung zu ermöglichen.
Und über sie ist mal ein ganz guter Satz formuliert worden, den ich mal ganz frech zitieren möchte, der das aber schön beschreibt: Ihr ging es darum, „Emotionen herunterzufahren und ein gemeinsames Ziel oder eine gemeinsame Absicht zu finden bei gleichzeitiger Anerkennung der Unterschiede“.
Und mich spricht das total an. Weil im Sinne auch des Konstruktivismus: Wir müssen nicht alle in der gleichen Realität umhergeistern, und wir müssen die andere nicht verurteilen. Sondern wir sind fein damit, dass es diese Unterschiede gibt, wir erkennen die an und versuchen, irgendwie eine gemeinsame Ausrichtung zu finden. Ich finde das wunderbar.
Und sie hat im Grunde genommen all das, was sie so erlebt hat – natürlich auch vieles danach, da gibt es geschichtlich noch ein bisschen mehr, mit der Hippie-Zeit sozusagen und all dem, was sie so getrieben hat – einfließen lassen in das Format der Zukunftskonferenz.
Und an der Stelle will ich auch sagen: Da gibt es wirklich noch einiges an Input. Es gibt mittlerweile auch ein wunderbares Buch – da mache ich direkt nochmal Werbung für –, nämlich das Buch zur Facilitation von Holger Scholz und der Roswitha Vesper. Also da greift gerne zu, wenn ihr da noch ein bisschen was wissen wollt. Da steht auf jeden Fall noch was drin.
Ilona Bernlöhr: Und jetzt weiß ich natürlich nicht, ob das da drinsteht, aber was ich noch ganz faszinierend finde: dass die Geschichte sogar noch ein bisschen früher angefangen hat, in den 50er und 60er Jahren. Es gibt ein Beispiel, wo zwei Motorenwerke – also völlig anderer Kontext – fusioniert werden sollten. Und das haben Eric Trist und Fred Emery begleitet.
Und die haben festgestellt, dass das gut funktioniert hat, sobald die Aufgabe – also diese Fusion und dieses Motorenwerk dann wirklich gut weiterzuführen – größer ist als das eigene Anliegen der jeweils beteiligten Menschen.
Und der Fred Emery hat sich dabei, glaube ich, zurückgelehnt auf das, was er als Bedingungen für den effektiven Dialog schon früher in den 50ern zusammengetragen hat: dass es darum geht, dass unser Verständnis für den anderen Menschen einfach besser wird, wenn Menschen sich gegenseitig etwas erklären. Und das kennen wir, glaube ich, aus jeder unserer Lebenssituationen.
Du hast vorhin auf die Werte referenziert. Und das ist, glaube ich, genau ein guter Grund. Du hast eben gesagt, bei der Sandra haben sich die Perspektiven gemischt. Und alles das hilft dazu, dass man die Lösungssuche gut starten kann. Und der Fred Emery hat noch dazu gesagt: Wenn ich die ideale Zukunft – also so einen positiven Ausblick – davorstelle, ist das sogar noch hilfreicher, als nach einer Problemlösung oder mit Problemlösung zu arbeiten.
Christopher Salmi: Ja, danke nochmal für die Ergänzung. Ich würde nochmal einen Schritt weitergehen. Jetzt haben wir ja so ein bisschen: Was ist denn das für ein Format? Was gibt es denn da für eine Struktur, für Phasen? Wo kommt denn das her? Jetzt gibt es ja auch ganz bestimmte Prinzipien, die das ermöglichen.
Wir haben vier Prinzipien, die relevant sind für eine Zukunftskonferenz. Und wenn du magst, lass uns doch da mal einmal durchfliegen.
Ich würde mal ein erstes reinschmeißen, und zwar: das ganze System in einen Raum zu bringen. Also alle Bereiche oder Rollen in diesen Raum zu bringen, um wirklich alle Perspektiven und Erfahrungen zusammenzubringen. Sie alle einfach mal unabhängig von Hierarchie, unabhängig von Bereich zusammenzuschalten. Also sprich: alle, die mit diesem Thema zu tun haben. Das ist für mich das Erste, was mir so in den Kopf schießt.
Ilona Bernlöhr: Genau. Und wenn wir neben den Menschen auch noch das Thema betrachten, dann ist das zweite Grundprinzip, den ganzen Elefanten in den Raum zu holen. Jetzt fragt man sich natürlich: Warum denn ausgerechnet Elefant?
Das hat damit zu tun, dass es eine wunderbare Parabel gibt, darüber, dass Blinde einen Elefanten beschreiben. Und wenn man sich das jetzt wirklich vorstellt, dass man die Augen schließt und noch nie einen Elefanten gesehen hat und dann an irgendeinem Bein, an einem Ohr, am Rüssel oder am Schwanz steht – wenn man sich das haptisch vorstellt, was anderes haben die ja nicht als Hilfsmittel, um etwas zu „sehen“ –, dann kommen schon sehr, sehr unterschiedliche und sehr widersprüchliche Dinge zusammen.
So ein Elefantenschwanz ist ja wirklich eher zierlich, während so ein Elefantenbein ja durchaus etwas an Masse auf den Weg bringt. Und das ist genau der Punkt: Diese Widersprüche, die wir in den Trends und Entwicklungen gesehen haben in der Mindmap, die finden wir hier auch in diesem Bild des ganzen Elefanten wieder.
Christopher Salmi: Genau. Und ich würde nochmal den Fokus auf Zukunft und Gemeinsamkeiten nennen. Das passt vielleicht auch nochmal ganz schön zur Intention der Sandra Janoff.
Es bedeutet ja auch, dass alles besprochen werden muss. Das passt vielleicht auch so ein bisschen zu dem, was du vorhin gesagt hast, Christina: Es müssen auch alle Probleme und Konflikte und alles, was so in unserem Rucksack liegt, was uns so ein bisschen schwer erscheint, geteilt und besprochen werden. Und das ist aus meiner Sicht super wichtig für den Prozess dieser Menschen, die in dieser Zukunftskonferenz sind, um dann gemeinsam auch Fahrtwind nach vorne zu bekommen.
Und ich glaube auch, dass der dadurch entstehen kann, dass dieser Rucksack ein bisschen leerer wird – weil das geteilt wird und Perspektiven zusammengebracht sind. Und vielleicht auch an der einen oder anderen Stelle gemerkt wird: Ah, bei dir geht es auch so. Dann, glaube ich, ist der Wind nach vorne doch etwas einfacher.
Ilona Bernlöhr: Genau. Und diesen Wind gut zu nutzen, das ist natürlich auch eine Herausforderung. Da kommen viele Menschen zusammen – wie machen wir das denn jetzt? Und dieses Thema der Eigenverantwortung und der Selbststeuerung ist dann das vierte Prinzip.
Das hat einfach was damit zu tun: Wenn wir selber verantwortlich sind für etwas, dann gehen wir ganz anders mit dem Ergebnis um und auch mit dem Prozess. Und das Selbstgesteuerte ist insofern total faszinierend, weil sich dann plötzlich Menschen in Rollen zeigen, von denen sie vorher vielleicht gar nicht erwartet haben, dass sie sie einnehmen werden.
Und diese Rollen sind auch deswegen leichter zu tragen, weil sie einfach immer wieder in den unterschiedlichen Gruppen geteilt werden. Also die Gruppen übernehmen dann die Leitungsfunktion und die Verantwortung für die Aufgabe, die gerade ansteht. Und das führt wiederum dazu, dass man sich viel besser mit dem identifizieren kann, was am Schluss dabei rauskommt. Und dass man Dinge integriert – was du eben gesagt hast, Christina: Integration all der Sichtweisen und Werte, die da im Raum sind.
Christopher Salmi: Ja, super wichtig. Ich glaube, es fehlt eigentlich nur noch eins: Wann kann das jetzt hilfreich sein? Warum machen wir das eigentlich? Was wäre ein guter Grund, das zu tun?
Ich würde mal sagen: Wenn du eine große Truppe hast und vielleicht an der einen oder anderen Stelle noch Silos aufbrechen möchtest. Wenn du verschiedene Ziele hast, verschiedene Historien in diesem Laden – wie groß auch immer der sein mag – und irgendwie Bock hast, ein gemeinsames Ziel zu formulieren, das eine gemeinsame Ausrichtung mit direkten Aktionen als Ergebnis hat. Ich glaube, dann ist das eine gute Sache.
Und ich finde, das ist kombiniert mit einer unglaublichen Energie, Aufbruchsstimmung – hatten wir, glaube ich, vorhin schon mal, das Wort. Wenn man das machen möchte, dann ist das, glaube ich, genau das Richtige aus meiner Sicht für Strategie und Weiterentwicklung.
Ilona Bernlöhr: Und wenn man die Wahrscheinlichkeit erhöhen will, dass dieser Plan, der da irgendwo steht, auch tatsächlich ins Leben kommt. Einfach weil die Menschen selber daran interessiert sind. Das sind dann genau die Menschen, um die es geht. „Betroffen“ ist immer so ein doofes Wort – aber die daran interessiert sind, dass sich da etwas bewegt in diesem Thema. Die haben auch die Chance gehabt, sich zu beteiligen. Und dementsprechend treffen sie auch Vereinbarungen, die zwischen allen Interessen liegen und deswegen nicht weniger relevant sind.
Christopher Salmi: Absolut. Man sagt ja auch: Mach Betroffene zu Beteiligten. Das ist, glaube ich, schon so ein abgelutschtes Zitat. Aber in dem Fall bringt es einfach diesen Effekt: Diese Strategie, die da entwickelt wird, oder diese Ziele – wie auch immer man das am Ende des Tages formuliert –, das wird das Baby jedes Einzelnen.
Also ich meine, wir kennen das aus dem Design Thinking ja auch: Du baust deinen Prototypen und hast da Zeit reingesteckt, und das hat Spaß gemacht, und alle waren zusammen und haben ihre Dinge zusammengeschmissen. Und was entsteht dann? Eine totale Verbindung zwischen diesem Prototyp und diesen Menschen. Und selbst wenn der nur aus Lego gebaut ist, haben die total Schwierigkeiten, sich davon zu lösen – also „Kill your Darlings“ sozusagen, das wird dann schon sehr schwer.
Und wenn du das mit so einer Strategie schaffst oder mit so einem Ziel, wie groß auch immer das sein mag – ich glaube, dann hast du wirklich eine ganz andere Verbundenheit zwischen Mensch und Thema, zwischen Mensch und Organisation.
Ilona Bernlöhr: Und deswegen ist es, glaube ich, an der Stelle auch ganz wichtig, im Vorhinein zu sagen: Okay, das ist ein wahnsinniger Aufwand. Du musst diese Leute alle ein, zwei, manchmal drei Tage an eine Stelle bringen, in einen Raum bringen. Du musst den Prozess steuern – das heißt, du brauchst irgendjemanden, der ein bisschen Erfahrung hat, wie man mit Großgruppen umgeht.
Also das ist nicht zu unterschätzen. Aber das Ergebnis ist einfach so viel wert, dass man das guten Gewissens mal überdenken kann. Ich denke, da gibt uns die Erfahrung recht, Christina.
Christopher Salmi: Genau – wenn ihr Bock habt da draußen, meldet euch einfach, dann kommen wir gerne dazu ins Gespräch. Aber jetzt nochmal eine Frage an dich, Christina. Du hast das jetzt alles nochmal so aus der Theorie gehört. Ich will jetzt noch nicht in diese Praxis einsteigen – aber du hast das jetzt so gehört, was wir aus der Theorieschiene erzählt haben. Was macht das jetzt mit dir?
Christina Krabatsch: Naja, also vor meinem geistigen Auge ist natürlich nochmal der gesamte Film abgelaufen, den wir da vor circa zwei Jahren gemeinsam miteinander konzipiert und auch durchgeführt haben. Und genau die Dinge kann ich eigentlich auch so bestätigen, wie sie gekommen sind.
Vielleicht der eine Punkt, Ilona, den du ausgeführt hast: Es ist sehr spannend, wenn alle im Raum sind, da auch alles abzuholen, jede Facette aufzunehmen. Da klang für mich in dem Moment so ein bisschen durch: Das finden dann auch alle irgendwie immer super. Das ist vielleicht so eine Facette – kommen wir im Praxisteil gegebenenfalls auch nochmal dazu. Die große Kunst war ja, dass es auch einige gab, die das nicht unbedingt so super fanden. Und das aus unterschiedlichsten Gründen.
Und dafür bietet sich aber auch dieses Format wieder an, weil man das nach hinten raus natürlich auch gut aufräumen kann. Also, wie gesagt, ich finde es einen super Prozess – und wir vertiefen das ja dann später nochmal.
Christopher Salmi: Ganz genau. Gut, ich glaube, dann können wir auch für diesen Teil schön zum Abschluss kommen. Ich wiederhole es einfach nochmal, weil es wahrscheinlich, wenn man das das erste Mal hört, relativ viel ist.
Also: Wir haben die Zukunftskonferenz, ein großes Format mit vielen Menschen – ich erinnere nochmal, so 50 bis 150, vielleicht sind es mal 100, mal 80. Wir haben bestimmte Phasen, die wichtig sind, fünf an der Zahl. Es gibt eine Historie – die ist nice to know und ist sicherlich auch eine kleine Hilfestellung, wenn man nochmal auf diesen Prozess guckt: warum der so ist, wie er ist, und welche Intention da drinsteckt. Wir haben Prinzipien – vier haben wir geteilt. Und es gibt gute Gründe, sie zu tun und die Zeit zu investieren, und sicherlich auch Geld dafür zu investieren, um einen ganz entscheidenden Schritt weiterzukommen in der Organisation.
Ja, das würde ich mal so als Abschluss hinstellen. Was meinst du, Ilona, was meinst du, Christina – reicht das für so einen ersten Blick?
Ilona Bernlöhr: Also es ist einfach schwierig, das, was man da erlebt – in der Vorbereitung, in der Durchführung, im Nachgang, im Umsetzen – wirklich in 25 bis 30 Minuten zu packen. Aber ich kann nur dafür sprechen: Wenn es ein Thema gibt, das wirklich jemandem am Herzen liegt, wo es viele Menschen braucht, um zu einer guten, tragfähigen Lösung zu kommen, kann ich das Modell nur empfehlen. Dabei bleibe ich.
Christina Krabatsch: Auf jeden Fall, das sehe ich genauso.
Christopher Salmi: Sehr gut. Das freut mich. Gut, dann an euch da draußen: Wenn ihr Fragen dazu habt, jetzt schon, und es nicht mehr aushaltet, dann meldet euch gern über die Website, über E-Mail, über Social Media – da, wo es euch hintreibt. Und dann kommen wir natürlich auch gerne dazu ins Gespräch.
Ansonsten wünsche ich euch noch einen wie immer wunderbaren Tag, Nacht, Abend, Morgen – keine Ahnung, wann ihr das gerade hört. Und ich glaube, wir freuen uns alle drei, wenn ihr auch zum Teil 2 wieder einschaltet und euch dann die Folge anhört, wenn es dann wirklich mal um die Praxis geht. Also „Butter bei die Fische“, würde der Norddeutsche sagen.
Genau, dann werden wir uns mal angucken: Was hat das eigentlich mit Christina und ihrem Team gemacht, und wie ging das eigentlich so, und wie hat sie das erlebt? Da freue ich mich sehr drauf. Bleibt fit, und ich freue mich, wenn ihr wieder dabei seid. Bis dann.
Bis dann, macht's gut. Bis dann, bye bye. Das war eine weitere Folge Coach Gelaber von und mit Christopher Salmi.